Lidl und der protokollierte Toilettengang

By Katja • 28. March 2008 • Category: News

big.jpgDer Discounter Lidl macht zur Zeit reichlich negative Schlagzeilen. Detekteien sollen beauftragt worden sein, um Mitarbeiter auszuspionieren, Telefongespräche wurden angeblich mitprotokolliert und zusätzlich kam wohl auch Videoüberwachung mittels Minikameras zum Einsatz. Dabei wurden alltägliche Gespräche, das Aussehen und das Verhalten der Mitarbeiter sytematisch überwacht - der Stern berichtete.

Laut der Geschäftsführung von Lidl seien die Detekteien lediglich dazu beauftragt worden, Kundendiebstähle aufzudecken. Eine Überwachung der Mitarbeiter sei von der Geschäftsführung nicht beabsichtigt gewesen. Daß es dennoch Aufträge dazu gegeben haben könnte, schließt Jürgen Kisseberth, Mitglied der Geschäftsleitung von Lidl, dennoch nicht aus. Die Zusammenarbeit mit den entsprechenden Detekteien sei sofort beendet worden. Eine Lidl-Sprecherin dagegen rechtfertigt das Verhalten damit, daß die Protokolle dazu dienten, Fehlverhalten der Angestellten festzustellen. Ein verwirrender Widerspruch. Die Geschäftsleitung entschuldigte sich jedenfalls vorsorglich, sicherlich bedingt durch den Druck der Öffentlichkeit, bei den betroffenen Mitarbeitern.

Damit dürfte die Affäre aber nicht beendet sein. Angestellte bei Lidl, deren tägliche Toilettengänge überwacht wurden, deren Freundeskreis wahllos diffamiert wurde (Freunde hauptsächlich Drogenabhängige), deren Privatgespräche belauscht und ausgewertet wurden (Mitarbeiterin x und y sind von vornherein negativ eingestellt bzgl. Weiterbildung z), sollen nun Schadensersatz fordern. Die Gewerkschaft Ver.di rief dazu auf und bietet gleichzeitig Unterstützung an. Zudem leitete das baden-württembergische Innenministerium eine umfassende Untersuchung ein.
Lidl verstieß mit den genannten Praktiken nicht nur gegen das Datenschutzgesetz, sondern verletzte auch die Persönlichkeitsrechte.
Doch was ist eigentlich an Überwachung erlaubt und was verboten?

Heimliche Videoüberwachung ist dann legal, wenn ein hinreichender Verdacht auf eine Straftat besteht, z.B. Diebstahl oder Unterschlagung. Das Ausspitzeln des Privatlebens eines Mitarbeiters ist grundsätzlich verboten. Ausnahmen bestehen nur dann, wenn der Arbeitgeber eine Pflichtverletzung nachweisen möchte, die er auf anderen Weg nicht aufdecken könnte. Auch hier muss ein tatsächlicher und begründeter Verdacht bestehen.
Das Einhalten der Arbeitszeiten darf dagegen in der Regel überwacht und protokolliert werden, bspw. mittels Stechuhren. Bei Telefonaten darf, sofern es eine Vereinbarung im Arbeitsvertrag gibt, festgehalten werden, wann und mit welchem Anschluss telefoniert wurde, in etwa also die Daten, die eine detaillierte Kostenaufstellung des Anbieters anzeigt. Bei E-Mails gilt vergleichbares. Das Ausspionieren privater E-Mails ist allerdings grundsätlich verboten, auch dann, wenn laut Arbeitsvertrag das Versenden privater Post nicht erlaubt wurde. Ausnahmen gibt es natürlich auch hier, sofern Hinweise für eine Straftat vorliegen.
In größeren Betrieben muss ein Datenschutzbeauftragter bestellt sein, der das Einhalten dieser Regelungen zu überwachen hat.

All diese Vorsichtsmaßnahmen und die Gesetze zum Schutz personenbezogener Daten haben im Fall Lidl versagt. Schon seit geraumer Zeit gibt es ja den laschen Umgang in bezug auf den Schutz unserer Persönlichkeitsrechte zu beklagen. Welche Konsequenzen wird diese Affäre nun für Lidl haben? Boykottaufrufe gegen den Konzern sind verhallt. Sie nützen auch nicht wirklich, da die Leidtragenden die Mitarbeiter wären. Hinzu kommt, daß Lidl nicht zum ersten Mal in punkto Mitarbeiterbehandlung negativ auffällt. Systematisch wurden Bestrebungen, Betriebsräte zu bilden, unterwandert (anscheinend eine beliebte Praktik bei Großkonzernen, so war erst kürzlich H&M aus eben diesen Gründen in den Schlagzeilen), Filialleiter müssten bis zu 70 Wochenstunden arbeiten und mehrere Filialen betreuen und Toilettengänge wurden mit Abmahnungen bestraft. Damals tat Lidl das als Diffamierung ab. Den jüngsten Skandal bestreitet die Unternehmensleitung nicht einmal mehr…

Bleibt zu hoffen, daß es diesmal drastische Bußgelder und eine strengere Überwachung der Einhaltung elementarer Grundrechte und Datenschutzregelungen gibt. Ansonsten dürften wohl demnächst weitere Angestellte anderer Konzerne absurden Überwachungspraktiken ausgeliefert sein. Wie Lidl-Mitarbeiter in Tschechien, denen der Gang auf die Toilette schlichtweg verboten wurde - mit Ausnahme weiblicher Angestellter, die ihre Periode hatten. Sie durften mal - sofern sie denn ein spezielles Stirnband trugen. Interne Regelungen, die “perfekt” mit der Lidl-Firmenphilosophie korrespondieren:

  • “Fairness ist ein Gebot gegenüber jedermann im Unternehmen.
  • Wir achten und fördern uns gegenseitig.
  • Vereinbarungen werden in einem Klima des Vertrauens eingehalten.
  • Lob, Anerkennung und Kritikfähigkeit sollen unser Betriebsklima bestimmen.”

Quellen: Spiegel online, Reuters, tagesschau.de, n24, Stern

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5 Kommentare »

  1. In meinen Augen können die mir nicht erzählen, dass das nicht entsprechend geplant war. Die erstellten Protokolle haben mal gar nichts mit der Aufklärung von Diebstählen zu tun. Hier ging es um Verhaltenskontrollen und eine “mir doch egal was das Gesetz dazu sagt” Einstellung des Unternehmens. Mir erschliesst sich nur nicht ganz, was man sich letzten Endes davon versprochen hat…

  2. Ja, genau die gleiche Frage habe ich mir beim Schreiben auch immer wieder gestellt. Was bezweckt Lidl eigentlich mit dieser Überwachung und dem Ausspionieren. Totale Kontrolle?
    Genau in diesem Punkt glaube ich, daß Lidl das tatsächlich SO nicht geplant hat. Die Auftraggeber haben wahrscheinlich angeordnet, Mitarbeiter zu überwachen, vielleicht sogar anfänglich, weil es zur Diebstahlprävention gedacht war (in diesem Punkt aber bereits illegal, sofern nicht ein konkreter Verdacht vorlag, ansonsten hätte man den Angestellten mitteilen müssen, daß sie gefilmt werden). Die Ausführung geriet dann mMn aus dem Ruder.

    Daher hat der Stasi-Vergleich, den ich übrigens wegen Überstrapazierung absichtlich vermieden habe, in diesem Zusammenhang doppelte Bedeutung. Einmal, weil die Methoden der Überwachung an den ehemaligen Geheimdienst erinnern, dann aber auch, weil dieses “aus-dem-Ruder-laufen” ein eklatantes Kennzeichen der Stasi war. Geruchsproben, Ersatzbriefmarken für geöffnete Briefe, gefälschte Poststempel, spionierende Ehepartner und vermeindliche beste Freunde usw. Im Nachhinein kamen sehr erschreckende Tatsachen ans Licht.

    Der Spionierer hat die Macht über sein Opfer. Und wenn er dazu einen Auftraggeber hat, braucht er sich nicht einmal dafür rechtfertigen. Daher halte ich das Aufbrechen des Datenschutzes für eine Bedrohung unserer gesamten Demokratie. Es liegt leider in der menschlichen Natur, Machtpositionen auszunützen. 90% von uns sind geborene Folterknechte. Woran das liegt, man weiß es nicht. Aber Lücken im Datenschutz oder der lasche Umgang geben uns die Möglichkeit, das Biest in uns zum Leben zu erwecken. Bei Lidl mag sich das noch im privaten Bereich abspielen. Wenn der Staat aber erschreckende Befugnisse bekommt, dann ist es eine öffentliche Angelegenheit, die uns verdammt in Schwierigkeiten bringen kann.

    Ich hoffe, die Lidl-Affäre bewegt etwas in den Köpfen derer, die auf dem Standpunkt “ich hab mir ja nix zu schulden kommen lassen, stört mich also nicht, wenn meine Daten gesammelt werden” stehen. Ich hoffe es wirklich.

  3. Was kann man von Herrn Schwarz, welcher Scientologe ist, anderes erwarten? Auch wenn er sich zurückgezogen hat (offiziell in eine Stiftung überführt), so wird er dennoch sein Unternehmen im “AUGE” behalten.

  4. […] Lidl und der protokollierte Toilettengang […]

  5. Bespitzelung auch bei der Telekom?…

    Nachdem nun etwas Ruhe um die Lidl-Geschichte eingekehrt ist und man den BND nun doch nicht privatisiert hat, lese ich gerade von einem Spionageskandal bei der Telekom. Offenbar wurden dort nur Manager bespitzelt, um undichte Stellen im Vorstand und im…

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